Nun liegt sie also wieder vor uns – die Advents- und Weihnachtszeit, das sogenannte Fest der Liebe, die Zeit wo jeder sich nach Harmonie, familiärer und spiritueller Geborgenheit und Liebe sehnt, die Zeit, wo wir anderen im besonderen Liebe schenken sollten und wir uns damit oft gegenseitig überfordern. Woher nehmen wir diese Liebe?

An Weihnachten feiern wir das Kommen Jesu Christi, des Sohnes Gottes, als kleines Kind in einen Stall von Bethlehem. Und als Christen wissen wir auch, dass im Zentrum des christlichen Glaubens die abgrundtiefe Liebe Gottes zu uns Menschen steht, der sich nichts sehnlicher wünscht, als dass wir auf Seine Liebe mit unserer Liebe antworten. Die entscheidende Frage, die Jesus am Ende seines Lebens Petrus stellte war nicht die nach seinem Tun, sondern „hast du mich lieb?“

Man stelle sich vor: Er der Sohn Gottes, der von Ewigkeit her eins mit dem Vater war und dem alle Engel des Himmels zur Verfügung stehen, sehnt sich nach unserer Liebe und ist gerade auch in dieser Sehnsucht ein exaktes Abbild des himmlischen Vaters.

Doch wie können wir Gott lieben? Liebe zu Gott entsteht ja nicht dadurch, dass wir uns nach Kräften bemühen und anstrengen. Die Liebe zu Gott entsteht vielmehr dadurch, dass wir Liebe von Gott her erfahren. In 1. Johannes 4,10 heißt es: „darin besteht die Liebe nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung  für unsere Sünden.“ Wenn wir Gott lieben wollen müssen wir vielmehr Eintauchen in die Liebe mit der er uns liebt. Wir können auf der Außenseite unseres Lebens noch so viel ändern, es wird unser Herz nie erreichen. Wenn wir aber das, was Gott in Jesus für uns getan hat, in Anspruch nehmen und auf uns wirken lassen, dann wird dies unser Leben verändern und wir werden selbst zu Liebenden werden. Es geht also bei Gottes Liebe zunächst einmal nicht um ein lieben, sondern um ein sich lieben lassen.  Alle christliche Spiritualität hat darum den Zweck, sich für die Gegenwart Gottes zu öffnen, sich in die Gemeinschaft mit Gott hinein zu spüren, sie zu pflegen und die Liebe Gottes in das eigene Leben aufzunehmen und ihm dann mit unserer Liebe zu antworten mit unserem Beten, Singen, unserem Tun und Feiern.

Da Menschen aber verschieden strukturiert sind, tun wir gut daran, möglichst viele Wege aufzuzeigen, wie Menschen in diese Liebe Gottes eintauchen können. Dem einen hilft es, im Kerzenschein zu meditieren, dem anderen, das Evangelium zu hören, einem weiteren vermittelt sich die Liebe Gottes durch eine persönliche Segnung, der nächste wiederum spricht besonders auf den gemeinschaftlichen Lobpreis in der Gemeinde oder dem Singen von Adventsliedern an oder im (Mit-)Erleben von Gebetserhörungen. Wenn es uns gelingt, das richtige Medium zu finden, in dem die Menschen die Liebe, die Gott für sie hegt, leise erspüren können, dann ist das, um ein Bild Luthers aufzugreifen, wie wenn man ein Stück Eisen ins Feuer hält. Es wird auf Dauer selber rotglühend, es wird in etwas Feuerähnliches verwandelt. Menschen, die Gottes Liebe erfahren, werden selbst zu Liebenden. So wird Weihnachten tatsächlich zu einem Fest der Liebe.

In diesem Sinne eine „liebevolle“ Advents- und Weihnachtszeit

Rainer Conzelmann